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26. Januar 2026 - Wissen & Aktuelles

Wassersicherheit ist Standort- und Geschäftsrisiko

Warum naturbasierte Lösungen Teil moderner ESG-Strategien sein müssen

Deutschland verliert Wasser. Nicht irgendwann – jetzt. Sinkende Grundwasserstände, ausgetrocknete Böden und zunehmende Nutzungskonflikte zeigen: Wasser entwickelt sich zu einer strategischen Ressource – mit direkten Auswirkungen auf Wertschöpfung, Lieferketten und Standortstabilität. 
Beim Neujahrsempfang des NABU e.V. in Berlin wurde diese Entwicklung klar benannt. Anlass war die Vorstellung der gemeinsamen Studie „Jeder Tropfen zählt – Wege zur Wassersicherheit“ (15.01.2026), erarbeitet mit der Boston Consulting Group. Die zentrale Botschaft der Studie ist für Gesellschaft und Unternehmen gleichermaßen relevant: 

Wassersicherheit lässt sich nicht allein technisch lösen. Sie entsteht durch Investitionen in funktionierende Ökosysteme. Nicht die Niederschlagsmenge ist das Hauptproblem, sondern die Fähigkeit der Landschaft, Wasser zu speichern.

Der unsichtbare Wasserverlust und seine Kosten

Seit Beginn der 2000er Jahre hat Deutschland rund 60 Milliarden Kubikmeter Wasser aus Böden und Grundwasserleitern verloren – eine Größenordnung nahe dem Volumen des Bodensees. Dieser Verlust betrifft nicht nur Umweltindikatoren, sondern ganz konkret:

  • die Verlässlichkeit der Trinkwasserversorgung,
  • die Produktionssicherheit wasserabhängiger Industrien,
  • die Resilienz land- und forstwirtschaftlicher Wertschöpfung,
  • die Stabilität von Standorten und Infrastrukturen.

Auch die ökonomische Dimension ist eindeutig: Ohne wirksame Gegenmaßnahmen könnten sich die Schäden durch Wasserknappheit bis 2050 auf 20–25 Milliarden Euro pro Jahr belaufen. Dem stehen vergleichsweise geringe Investitionen in naturbasierte Lösungen gegenüber, die dauerhaft Risiken senken und zugleich ökologische wie gesellschaftliche Mehrwerte schaffen.

Ökosysteme als Infrastruktur – Wasser beginnt im Boden

In seinem Impulsvortrag erläuterte Prof. Dr. Pierre Ibisch (HNE Eberswalde) die Grün-Feucht-Kühl-Triade. Sie beschreibt den Zusammenhang zwischen Vegetationsbedeckung, Bodenfeuchte und Oberflächentemperaturen sowie deren Rückwirkung auf regionale Niederschläge. Der daraus entwickelte Grün-Feucht-Kühl-Index macht sichtbar, wie leistungsfähig Landschaften als Wasser-, Klima- und Risikopuffer funktionieren. Für Unternehmen bedeutet das einen zentralen Perspektivwechsel: 

Ökosysteme sind keine „weichen“ Nachhaltigkeitsthemen – sie sind funktionale Infrastruktur.

Moore, Böden, Wälder: natürliche Wasserspeicher mit hoher Wirkung

Zerstörte Moore verlieren Wasser, Kohlenstoff und ihre Pufferfunktion zugleich. Intakte und wiedervernässte Moore zählen dagegen zu den effektivsten Wasserspeichern der Landschaft: Sie halten Niederschläge zurück, dämpfen Abflussspitzen und speichern Wasser über lange Zeiträume. Auch Wälder spielen eine Schlüsselrolle: Viele deutsche Wälder bestehen noch aus gleichaltrigen Nadelholzreinbeständen. Diese sind hydrologisch ineffizient und klimatisch anfällig: Niederschläge verdunsten bereits in den Kronen, Böden sind strukturell verarmt, Dürre-, Sturm- und Schädlingsrisiken sind hoch. Ein intakter Laub-oder Laubmischwald wirkt wie ein Schwamm: Er puffert Starkregen und stellt Wasser in Trockenperioden zeitverzögert zur Verfügung – ein entscheidender Standortfaktor für wasserabhängige Regionen. 

  • Naturnahe Waldböden speichern – je nach Aufbau – bis zu 200 Liter Wasser pro Quadratmeter.
  • Durchwurzelung und Bodenleben fördern Versickerung und Grundwasserneubildung.
  • Beschattung und Verdunstungskühlung stabilisieren Mikroklimata und reduzieren hitzebedingte Wasserverluste. Sie fördern die Kühlung in der Landschaft.

Praxisbeispiel Brandenburg: Wasser als Standortfrage

In den Kiefernwäldern rund um Grünheide (Brandenburg) wächst der Druck auf die Wasserressourcen: industrielle Großverbraucher, heiße Sommer und niederschlagsarme Winter führen zu sinkenden Grundwasserspiegeln mit Folgen für Bevölkerung, Wirtschaft und die Hauptstadtregion. Studien der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Göttingen zeigen: Ein gezielter Waldumbau könnte auch hier zusätzliche Wassermengen bereitstellen und zugleich das Waldbrandrisiko deutlich senken. Das Potenzial liegt ebenfalls bei rund 500.000 Litern zusätzlicher Grundwasserneubildung pro Hektar und Jahr.

Naturbasierte Lösungen: messbar, wirksam, wirtschaftlich

Laut Studie könnten durch regenerative Land- und Forstwirtschaft, Moorwiedervernässung sowie sogenannte dynamische Drainage jährlich 7–7,5 Milliarden Kubikmeter zusätzliches Wasser in der Landschaft gehalten werden. Naturbasierte Lösungen liefern damit die höchste „Rendite“. Diese Maßnahmen zahlen gleichzeitig auf mehrere ESG-Ziele ein: Wasser (E), Biodiversität (E), Klimaanpassung (E), regionale Resilienz (S) und langfristige Risikosteuerung (G). Eine ESG-Strategie integriert ökologische (Environmental), soziale (Social) und unternehmensethische (Governance) Kriterien in das Kerngeschäft, um langfristige Wertschöpfung, Risikominimierung und Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Sie stärkt die Reputation, erfüllt regulatorische Anforderungen und steigert die Wettbewerbsfähigkei

Waldumbau und Moorwiedervernässung sind Wasserpolitik – und damit ein relevantes Handlungsfeld für Unternehmen.

Sie beeinflussen: die Stabilität von Lieferketten, die Zukunftsfähigkeit von Standorten, die Kosten externer Risiken, die Glaubwürdigkeit von ESG-Strategien. Im Vergleich zu rein technischen Lösungen sind Waldumbau und Moorwiedervernässung dezentral, kosteneffizient und dauerhaft wirksam. Jeder investierte Euro reduziert Risiken mehrfach, ökologisch, ökonomisch und gesellschaftlich.

Handeln statt kompensieren

Das Bergwaldprojekt e.V. zeigt, wie Unternehmen konkret beitragen können: durch Förderung, Kooperationen oder Corporate Volunteering dort, wo Wassersicherheit tatsächlich entsteht: in Wäldern, Mooren und Böden. Wassersicherheit ist ein aktuelles Geschäfts-, Standort- und Resilienzthema. 

Wer heute in funktionierende Ökosysteme investiert, investiert nicht nur in Natur, sondern in Planungssicherheit, Risikominimierung und nachhaltige Wertschöpfung. 

Jeder Tropfen zählt.

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